Realismus als moralischer Begriff in Theorie und Praxis

Kaum ein Begriff der filmischen Praxis und der Filmtheorie ist derart umstritten und vielschichtig, wie der des Realismus und des realistischen Films. Historische Untersuchungen entdecken schon in den ersten Schritten, die das neue Medium in seinen Kinderschuhen macht, die Tendenz der Filmgeschichte sich in eine realistische und eine nicht­realistische Traditionslinie aufzuspalten, welche in den Brüdern Lumière auf der einen Seite und Georges Méliès auf der anderen ihre Stammväter haben.[1] Den vollständigen Verlauf der Debatte um den filmischen Realismus in all seinen Schattierungen nachzuzeichnen, kann nicht Aufgabe dieser Arbeit sein. Dennoch soll mit Hilfe einiger Beispiele geklärt werden, wieso die Realismus­Debatte mit solcher Heftigkeit geführt wurde und wird, und welche konstanten Aspekte dabei perennieren.

Jeder Realismus­Begriff bezieht sich auf Nichtfilmisches, auf Nichtästhetisches. Die Folge davon ist, daß der Begriff des Realismus sofort den Rahmen ästhetischen Räsonnierens sprengt und zum Politikum wird. Roland Barthes hat dies für den Bereich der Literatur schon 1956 auf den Punkt gebracht: »die Beziehung des Schriftstellers zum Wirklichen ist letztlich immer eine ethische und keine technische Beziehung gewesen; geschichtlich gesprochen: der Realismus ist ein moralischer Begriff.«[2] Die Erörterung des Realismus führt uns direkt ins Grenzgebiet zwischen Ästhetik, Ethik und Politik. Allen Spezifizierungen und Variationen, die der Begriff des Realismus in seiner Geschichte durchlaufen hat, ist diese Ambivalenz inhärent. Die Ethisierung der Kunst in realistischen Theorie­ und Praxisansätzen ist so stark, daß zwar ästhetische Positionen sich im Wandel der Filmtechnik und der Entwicklung der Filmsprache verändert haben, aber die ethische Grundhaltung des realistischen Filmemachers oder Filmtheoretikers in allen Verkleidungen prinzipiell die gleiche geblieben ist. Die Priorität des Ethischen mündet anfänglich zumeist in einer Inhaltsästhetik, die primär danach fragt, was ein Film zeigt, und nicht wie er seinen Inhalt präsentiert. Später werden formale Aspekte immer wichtiger.

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