Kracauer begründet in seiner Theorie des Films seine normativen ästhetischen Forderungen mit den spezifischen Eigenschaften des Films: »Filme sind in einzigartiger Weise dazu geeignet, physische Realität wiederzugeben und zu enthüllen, und streben ihr deshalb auch unabänderlich zu.«[1] Aus dieser Grundeigenschaft des Mediums entwickelt er Kriterien für fast alle Elemente des Kinos, so z. B. für die Art der story, für den Filmschauspieler, die Sprache, den Ton, die Musik, die Montage und die Komposition.
Erst im Epilog enthüllt Kracauer die eigentliche Fundierung seiner Theorie, sein wirkliches Interesse am Film. Hier bekommt seine scheinbar medienimmanente Argumentation gesellschaftliche Dimension. »Der Mensch unserer Gesellschaft«, sagt Kracauer, » ist ideologisch obdachlos«[2]. Die Gesellschaft zerfalle in zwei große Lager: in das der Liberalen, deren Weltanschauung in der Tradition der Aufklärung stehe, und in das derjenigen, »die für die Rehabilitation eines gemeinsamen Glaubens plädieren, gleichviel ob es sich nun um den Glauben an geoffenbarte Wahrheit, an ein großes Ziel oder an einen charismatischen Führer handelt«[3]
Kracauer konstatiert eine Krise des Liberalismus, der einst für die Prinzipien Vernunft, Fortschritt und Demokratie eintrat. Ausgelöst werde diese Krise durch die offensichtliche Indifferenz der Wissenschaft, die einst das Fundament des Liberalismus und machtvolles Werkzeug der Aufklärung war, gegenüber der herrschenden Gesellschaftsordnung. Da die Wissenschaft nur noch dem technologischen Fortschritt verpflichtet ist, entzieht sich die Vernunft dem Bereich des Gesellschaftlichen und verwandele sich »aus einer substantiellen Entität zu einer anämischen Vorstellung«[4]. Diese Krise der Aufklärung komme den restaurativen Strömungen zugute beide Tendenzen halten sich, so Kracauer, die Waage und verstärken somit das Gefühl der Apathie.
Ein zweites Merkmal der modernen Gesellschaft sei ihre Tendenz alle Bereiche des Dasein einer aus der Wissenschaft übernommenen Abstraktion zu unterziehen. Diese Abstraktion finde ihren sichtbaren Ausdruck in der Technik. Die Mentalität des Technikers, der sich »mehr um Mittel und Funktionen als um Zwecke und Arten des Seins«[5] kümmere, greife um sich. Versuche der Mensch dagegen, »mit geistigen Entitäten in Berührung zu kommen, so drohen sie sich zu verflüchtigen«[6] sie werden auf Abstraktionen reduziert.
Als Beispiel nennt Kracauer die Funktionalisierung des Seelischen durch die Freudsche Tiefenpsychologie, sowie die relativistische Reduktion des Bewußtseins. Damit ist die Auswirkung gemeint, die der wachsende Informationsfluß der Massenmedien und die fortschreitende soziale Beweglichkeit auf das Allgemeinbewußtsein haben, in dem das Vertrauen in absolute Werte und Normen erschüttert werde, je mehr diese durch Vergleich mit anderen Kulturen relativiert werden.
Die Abstraktion und das Schwinden der Ideologie verhindere so einerseits, daß der Mensch der spirituellen Nacktheit entrinnen kann und führe andererseits durch das Zerbrechen von Totalität zu Realitätsverlust. »Fragmentarische Individuen spielen ihre Rolle in einer fragmentarischen Realität«[7]. Ein Ausweg aus dieser Situation, eine Wiedergewinnung der Realität sei nur möglich, wenn die materielle Dimension des Seins ins Auge gefaßt werde, denn physische Phänomene seien die einzige noch verfügbare Realität.
»Wissenschaftliche und technologische Abstraktionen [...] verweisen auf physische Phänomene, während sie uns gleichzeitig von deren Qualitäten weglocken. [...] Wir können nur dann darauf hoffen, der Realität nahezukommen, wenn wir ihre untersten Schichten durchdringen.«[8]
Die Erfindung der Filmkamera ist für Kracauer ein besonderer Glücksfall, denn nun, da die physische Realität nicht mehr durch Ideologien die ja zerbrochen sind verhüllt werde, könne der Film, der als einziges Medium geeignet ist, physische Realität wiederzugeben, »die materielle Welt mit ihren psychophysischen Entsprechungen«[9] entdecken die physische Realität erretten. Der Film bekommt so eine anthropologische Dimension, die ihn weit über die anderen Künste hinaushebt und ihn mit einem moralischen Imperativ versieht.
Die Normativität Kracauers in seinen filmästhetischen Ausführungen erklärt sich aus dieser exponierten Stellung des Mediums, die ein Laisserfaire nicht zuläßt.