Wenn es so etwas wie ein Manifest des Kinos der moralischen Unruhe gibt, aus dem das Selbstverständnis der kritischen Regisseure herauszulesen wäre, dann ist es die Ansprache Andrzej Wajdas auf dem Forum der Assoziation der polnischen Filmemacher in Gdansk 1980. Es ist ein Dokument, das persönliche Züge Wajdas tragend die Epoche des polnischen Kinos, um die es hier geht, eher im Rückblick beschreibt, war doch im Jahre 1980 der größte Teil derjenigen Filme, die zum Kino der moralischen Unruhe gerechnet werden, schon fertiggestellt.
Wajdas Ansprache, die im folgenden kurz referiert wird [1], fällt in den Spätsommer eines Jahres, in dem Polen durch eine beispiellose Welle von Streiks erschüttert wurde und zum erstenmal in einem sozialistischen Land eine freie Gewerkschaftsbewegung entstand. Kurz vor Beginn des Danziger Festivals war die Gewerkschaft Solidarnosc legalisiert worden; ohne Zweifel ein Sieg der Freiheitsbewegung, dessen Tragweite erst später in seinem ganzen Umfang spürbar wurde. Die politische Situation war aufs Äußerste gespannt: Weitere Streiks schienen möglich und niemand konnte die Reaktion der Regierung oder die der sowjetischen Machthaber voraussehen der Prager Frühling und sein blutiges Ende 1968 waren noch in guter Erinnerung.
In dieser Situation spricht Wajda, der wie kein anderer Regisseur den polnischen Film der Nachkriegszeit mitgeprägt hat, über seine Vorstellungen vom Kino. Wajda betrachtet das Kino als diejenige Kunst, die wegweisend für die anderen Künste, neue und wichtige Dinge über die zeitgenössische Realität aussage. Es seien in den letzten Jahren Filme entstanden, die einen kritischen Standpunkt gegenüber Dingen einnehmen, die falsch laufen im Leben der Polen, gegenüber abgebrühten Manipulationen von Menschen und Ideen, gegenüber der Verdrehung von Grundpfeilern sozialer Moral. Wajda verweist auf neue Bindungen, die zwischen einem Kino, das aktuelle Themen aufgreife, und einer zunehmend sensibler werdenden Öffentlichkeit entstanden seien. Diese Achtung in der eigenen Bevölkerung und der Erfolg der Filme im Ausland berechtige die Filmemacher, nicht nur über Probleme des Kinos, sondern der gesamten Gesellschaft zu sprechen, zumal Filmemacher, gerade weil sie, als Teil einer Industrie, viele Probleme, wie zum Beispiel den Versorgungsmangel und das Fehlen einer modernen Technik, am eigenen Leibe zu spüren bekämen.
Angesichts der polnischen Geschehnisse, so Wajda, sei die fundamentale Verpflichtung des Filmkünstlers die Wahrheit zu sagen.
Die Wahrheit auszusprechen, so fährt er fort (und bezieht damit eine typisch realistische Position), bedeute einen Akt der Zivilcourage und der Vorstellungskraft, die in erster Linie einen Bruch mit den Orthodoxien bedeute, die das Bild von der polnischen Gesellschaft entstellten. Als Beispiel nennt Wajda die stereotype Darstellung der arbeitenden Klasse, die in keiner Weise mit den AlltagsRealitäten in den Fabriken übereinstimme. Filme jedoch, in vorderster Linie Dokumentarfilme, die ein echtes Bild der Arbeiter einzufangen versuchten, kämen auf den Index und fielen der Zensur zum Opfer.
Der zweite zentrale Punkt in Wajdas Ausführungen bezieht sich auf die moralische Schizophrenie, die das Leben jedes Einzelnen bestimme. »One thing is said at meetings, another among friends or at home«[2]: Öffentliches und privates Leben, so diagnostiziert Wajda, unterlägen verschiedenen moralischen Kodices, von denen einige diesen Namen gar nicht verdienten. Hier setze die moralische Aufgabe der Kunst ein, in deren Verantwortung es liege, die Gründe dafür zu untersuchen, warum Aufrichtigkeit und Moralität aus dem öffentlichen Leben vertrieben worden seien, und unerschütterlich für einen überall und für alle Menschen gültigen moralischen Kodex einzutreten. Es müsse von neuem der Mut gefunden werden, zu fragen, wer wir sind, wo wir leben und welche Gesetze tatsächlich unsere Welt regieren.
Trotz seiner differenzierten Sicht auf das polnische Filmleben, nennt Wajda kein einfaches Rezept, wie diese moralische (man könnte fast sagen sozialhygienische) Aufgabe zu erfüllen sei, aber er macht deutlich, daß ein Filmemacher nur dann erfolgreich sein könne, wenn er seinen prüfenden Blick auf die aktuelle Realität und die ganze Skala menschlichen Strebens, Leidens und die Tragödien, die diese Realität nicht verwässert und künstlich, sondern unverfälscht und vollständig enthielte, richte und die Chancen erkunde, die sie für den spirituellen Sieg des Menschen bereithalte.
Die Worte Wajdas sind eine klare Absage an eine ideologisch determinierte Filmarbeit. Wajda fordert dagegen Wahrhaftigkeit bei der Darstellung der Realität, Aufklärung, Moralität und ein Kino des sozialen Gewissens. Oder mit anderen Worten: Wajda plädiert für einen ideologieunabhängigen Realismus im Film, der ganz im Sinne der frühen Autorentheorie an die Aufrichtigkeit des Filmemachers gebunden wird. Individuelle Kreativität, die auf einem ehrlichen und unvoreingenommenen Blick auf die Wirklichkeit beruhe, soll den Ausweg aus einer konventionalisierten Wirklichkeitsverzerrung finden, um damit der Gesellschaft ein echtes Bild ihrer selbst zu geben.
Und Wajda deutet an, wie schwierig es ist, dieses ethische Konzept ästhetisch umzusetzen:
»We sometimes reach a point where, jaded by the futility of our daily exertions, we are overcome by a sense of their paradoxicality, absurdity, even ludicrousness. Yet we must not forget that, as it may occasionally seem, this is the setting for an authentic stirring of hundreds of thousands of people for whom this is the very reality in which they are living out their unique human destiny, straining every nerve, experiencing sucesses and defeats. [...] No work of art can be created if its author concludes for one reason or another that life in which his characters are immersed is a masquerade, since he will then be unable to understand either their passions, or why they may be prepared to sell their souls to the devil, or heights to which they can rise.«[3]
Die ganze Ernsthaftigkeit, die Wajdas Ansprache durchzieht, kommt hier komprimiert zum Ausdruck. Im Zentrum von Wajdas Vorstellungen steht weder ein ästhetisches, noch ein politisches Prinzip, sondern allein der Mensch in seiner vollen, umfassenden Gestalt. Er lehnt jede Flucht des Filmemachers vor den Herausforderungen der moralischen Unruhe auf sicheres Terrain ab. Er qualifiziert sowohl die Reproduzierung ideologisch determinierter Meinungen als auch die zynisch distanzierte Überheblichkeit einer intellektuellparodistischen Sichtweise als verlogen und sozial gefährlich ab. In den Worten Wajdas bekommt das Kino der moralischen Unruhe eine für die polnische Gesellschaft existentielle Bedeutung. Es geht um mehr als um das kritische Hinterfragen einer festgefahrenen Politik, es geht um das rückhaltlose Erkennen der seelischmoralischen Verwerfungen in einer zutiefst orientierungslosen Gesellschaft. In letzter Konsequenz zielt ein solches Kino auf Veränderung. Oder anders gesagt: Nur die richtige Diagnose durch das Kino verspricht Heilung für die Gesellschaft. In diesem Bedürfnis nach Heilung offenbart sich der bohrende Realismus des Kinos der moralischen Unruhe auch als ein psychologisches Phänomen.