Das »Kino der moralischen Unruhe«

Frank Bren schreibt den Begriff Kino der moralischen Unruhe dem Kritiker und Filmemacher Janusz Kijowski zu, der 1978 mit seinem ersten Spielfilm Index einiges Aufsehen erregte. Index beschäftigt sich mit den studentischen Unruhen von 1968 ­ damals noch ein Tabuthema.[1] Boleslaw Michalek nennt ­ ich werde noch darauf kommen ­ einen anderen, nicht unbedingt widersprechenden Ursprung des Wortes.

Zwei Filme stehen am Anfang dieser Epoche: Der Mann aus Marmor (Czlowiek z marmuru, 1976) von Andrzej Wajda und Camouflage (Barwy ochronne, 1976) von Krzysztof Zanussi. Wajdas Film setzt sich kritisch mit dem stalinistischen Medienmythos vom Helden der Arbeit auseinander. Zanussis Film über ein studentisches Sommerlager konfrontiert den wissenschaftlichen Enthusiasmus der Studenten mit dem korrupten und angepaßten Zynismus der Dozentenschaft.

Neben Wajda und Zanussi wird Kieslowski als Initiator und Hauptexponent dieser Schule genannt.[2] Seine frühen Dokumentar­ und Spielfilme gelten als direkte Vorläufer des Kinos der moralischen Unruhe.

Der Anfang im Jahre 1976 war, wie so oft in Polen, von politischen Erschütterungen überschattet. Seit dem Machtantritt Giereks erlebte Polen durch westliche Kredite eine deutliche Verbesserung in der Versorgung mit Konsumwaren aller Art. Mitte der 70er Jahre wurde jedoch immer spürbarer, daß die westlichen Kredite durch Mißwirtschaft und Fehlplanungen nicht die erhoffte Wirkung zeigen würden. Die Wirtschaftskrise war abzusehen. Als im Sommer des Jahres 1976 die Preise vor allem für Fleischwaren erhöht wurden, kam es zu Streiks und Protesten in Radom und Ursus bei Warschau. Die Regierung machte die Preiserhöhungen rückgängig, unterdrückte mit Härte die Streiks und versuchte, durch eine Verstärkung der sogenannten Propaganda des Erfolgs die wirtschaftlichen Mängel zu übertünchen.

Als im Frühjahr 1977 Der Mann aus Marmor und Camouflage uraufgeführt wurden, hatte dies Folgen für den für die Filmproduktion verantwortlichen Vize­Kulturminister. Er wurde entlassen. Sein Nachfolger Janusz Wilhelmi übte in der Folgezeit, bis zu seinem plötzlichen Tod bei einem Flugzeugabsturz, einen scharfen Druck auf die Filmemacher aus. Auf dem Filmfestival in Danzig 1977 kam es zum Protest seitens der Filmemacher und schließlich zum offenen Eklat. Die Regierung verhinderte nämlich, daß Der Mann aus Marmor prämiert wurde und verlieh den Preis an Zanussi. Zanussi sah hierin den Versuch, die Filmemacher untereinander zu spalten und blieb der Preisverleihung fern. Mit dem Tod Wilhelmis entspannte sich die Situation wieder.[3]

Zwiespältig im Zusammenhang mit dem Kino der moralischen Unruhe war die Position des Fernsehens, das ­ staatlich kontrolliert ­ das zentrale Medium für die Propaganda des Erfolgs war. Während der Fernsehfilm Ruhe (Spok´j, 1976) von Kieslowski nach Aussage von Michalek[4] niemals ausgestrahlt wurde, produzierte das Fernsehen im gleichen Jahr zusammen mit jungen Filmemachern aus Wajdas Gruppe »X« eine Fernsehserie, bestehend aus einstündigen Folgen über familiäre Konflikte und Probleme. Laut Michalek wirkte diese Serie als Initialzündung für den neuen Trend mit dem Namen Kino der moralischen Unruhe.[5]

Das Kino der moralischen Unruhe stellt sich als ein äußerst komplexes Phänomen dar, das von vielen Faktoren abhängig war. Einige der wichtigsten seien kurz zusammengefaßt, bevor im folgenden das Selbstverständnis der Filmemacher dieser Epoche charakterisiert wird.

  1. Die Person Wajdas schaffte für die jungen Filmemacher über den Einfluß der Filmhochschule in Ló:dz hinaus, einen Traditionszusammenhang, der das Kino der moralischen Unruhe mit der Polnischen Schule verband und für die jungen Regisseure eine Brücke zu einer Epoche schlug, die sie entweder direkt oder in ihrer historischen Auswirkung auf die Gegenwart kritisierten.
  2. Das Kino der moralischen Unruhe verdankt, wie die Polnische Schule, dem Dokumentarfilm, als dessen bedeutendster Vertreter Kieslowski gelten kann, die Fähigkeit der beobachtenden Wirklichkeitsdarstellung.
  3. Es gibt eine nennenswerte Zusammenarbeit mit dem Fernsehen, was auf eine wachsende gesellschaftliche Relevanz dieses Mediums hinweist.

Das Ende der Epoche läßt sich auf den Tag genau datieren: Es ist der 13. Dezember 1981, der Tag am dem General Jaruzelski die Macht übernahm und das Kriegsrecht ausrief. Andrzej Wajdas Filmgruppe »X«, neben der Gruppe »TOR«[6] das kreative Zentrum der Bewegung, wurde aufgelöst; er selbst verlor den einflußreichen Vorsitz des Polnischen Filmverbandes. Bereits fertiggestellte Filme wurden verboten, die Zensur radikal verschärft. Kieslowskis Film Zufall (Przypadek, 1981)[7], den er für die Gruppe »TOR« machte, wurde kurz vor dem Kriegsrecht fertiggestellt, kam aber erst 1987 in Polen zur Uraufführung.

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