Indem das Kino uns die Welt erschließt, in der wir leben, fördert es Phänomene zutag, deren Erscheinen im Zeugenstand folgenschwer ist. Es bringt uns Auge in Auge mit Dingen, die wir fürchten. Und es nötigt uns oft, die realen Ereignisse, die es zeigt, mit den Ideen zu konfrontieren, die wir uns von ihnen gemacht haben.
Siegfried Kracauer. Theorie des Films.
Die fünfte Folge des Dekalogs weist viele Besonderheiten auf. In kaum einer anderen Folge sind die Quotienten für Schuß/GegenschußSequenzen an wichtigen Stellen so niedrig wie hier. Dialoge haben eine untergeordnete Bedeutung, nur das letzte Gespräch zwischen Anwalt und Jacek hebt den Quotienten ein wenig an. Dieses Gespräch ist besonders wichtig, um viele Einzelheiten des Films nachträglich einordnen zu können. So erfährt der Zuschauer z.B. etwas über die soziale und familiäre Herkunft Jaceks. ObjektiveSequenzen liegen, allgemein betrachtet, nahe am Durchschnitt, an Stellen mit Zentralfunktion und Thematisierungsfunktion deutlich darüber. Nur bei der Charakterisierungs- und der SuspenseFunktion fällt der Quotient für die Objektive etwas ab.
Blickstrategische Sequenzen liegen allgemein im Durchschnitt; an Stellen mit Suspense, Charakterisierungs und episodischer Funktion über dem Durchschnitt; an Stellen mit Zentral, Thematisierungs, Personenetablierungsfunktion und beim Ortswechsel darunter. Die hohen Quotienten bei blickstrategischen Sequenzen erklären sich aus der Tatsache, daß Jacek zu Beginn des Filmes fast ausschließlich durch solche Sequenzen charakterisiert wird und auch bei der Tötung des Taxifahrers immer wieder subjektivierende Sequenzen zwischen objektive Sequenzen eingeschaltet werden.
Es sind seine Blicke, durch die sich der Zuschauer ein Bild von dem Hauptakteur des Films macht. Jaceks Blicke, die, seinem scheinbar ziellosen Umherstreunen in der Altstadt von Warschau entsprechend, mal hier mal dort verweilen, werden uns in blickstrategischen Sequenzen präsentiert: das Kino, die Schlägerei, das Mädchen und das Bild von ihm, das ein Maler auf dem Marktplatz zeichnet, der Taxistand, die Kommunionsfotos kleiner Mädchen, die Polizei, die Mädchen vor dem Café. Doch in seinen Blicken verbleibt ein Rest von Unschärfe, weil der Zuschauer die Mädchenobsession Jaceks erst zum Schluß des Films richtig versteht. Die bloße Blickidentifikation führt also auch hier noch nicht zu einem konsistenten Verständnis der Figuren.
Bemerkenswert ist auch die hohe Anzahl von Sequenzen, die episodischen Charakter haben. Der Dekalog 5 ist reich an Episoden.
In der Kritik wird der Dekalog 5 immer wieder als Plädoyer gegen die Todesstrafe verstanden, und diese Ansicht kann sich auf gute Gründe stützen. Zwei Tötungsakte beschreibt der Film mit schockierender Genauigkeit[1]: den Mord an einem Taxifahrer und die Hinrichtung des Mörders. Es gibt zwei Äußerungen Kieslowskis, die den Aspekt, der uns hier interessiert, zur Sprache bringen:
1. Über die Mordszene:
»Es stellt sich [in der langen Mordszene] heraus, daß es eine ungeheuer harte Arbeit ist, jemanden umzubringen. Die Konvention, die wir kennen, ist anders. Rambo greift nach einem Maschinengewehr und bringt in einem Augenblick vierzig Leute um. Und hier quält sich der Mörder siebeneinhalb Minuten mit dem Taxifahrer.«[2]
2. Über die Hinrichtungsszene:
»Ich verstehe, wenn Zuschauer (die Brutalität) nicht aushalten. Aber mir kommt es darauf an, zu zeigen, wie die Todesstrafe aussieht. Kaum jemand weiß das nämlich, alle reden darüber, empören sich, sind dagegen. Aber die Zeremonie der Exekution ist den meisten unbekannt, deshalb habe ich sie so authentisch wie möglich dokumentiert.«[3]
Die realistische Schilderung des zweifachen Tötens resultiert aus der Intention Kieslowskis dem Zuschauer etwas ihm Unbekanntes realistisch zu zeigen. Was ändert sich nun, wenn wir ganz im Sinne Kracauers mit der physischen Realität des Tötens konfrontiert werden? Der Film hält die Antwort selbst parat: Der Anwalt, der zu Beginn des Filmes gegen die Todesstrafe argumentiert und wir hören aus den Worten des Richters, daß er seine Argumente im Prozeß zu einem überzeugenden Plädoyer gegen die Todesstrafe ausbaute , kann zum Schluß des Filmes jenseits jeglichen moralischen Räsonnements und rationalen Argumentierens nur noch seine Abscheu vor dem Töten herausrufen. Und es ist genau dieser vorsprachliche, nicht sprachlich vermittelbare Abscheu, den der Zuschauer während der Mordsequenz einerseits und der Hinrichtungssequenz andererseits empfindet. Wo im sprachlichen Diskurs das Für und Wider argumentativ abgewogen werden kann, bezieht hier im Prozeß des wirklichen Sehens die kreatürliche Solidarität mit allem Lebendigen spontan Position gegen den Tötungsakt.
In Dekalog 5 spielt Kieslowski die Fähigkeit der Kamera, die äußere Realität wiederzugeben, gegen die intellektuelle Positionsbestimmung des Menschen qua moralischen Räsonnements aus. Kieslowskis realistische Leistung hierbei war, zu zeigen, wie stark unser Denken und Handeln auf einer begrifflich argumentierenden Wirklichkeitsauffassung basiert. Das Töten aber, sowohl Jaceks Mord als auch seine Hinrichtung, entzieht sich einer ProundKontraDiskussion. Der Tod stellt, wie es Karasek in seiner SpiegelKritik ausdrückt, das äußerste Unrecht dar.[4] Diese Qualität bekommt der Tod und das Töten erst durch die Anschauung, deren Wirkung das diskursive Denken überwindet und in tiefere Schichten des Bewußtseins vordringt, in denen auch das eine Implikation dieses Films alle Menschen ein gemeinsames Empfinden haben (sollten), daß sie idealiter in den Stand setzt, das fünfte Gebot zu befolgen, oder wenigstens seine Gültigkeit ohne argumentative Einschränkung anzuerkennen. Kieslowskis Darstellung zielt darauf ab, den Zuschauer zu dieser vorbehaltlosen fast schon phänomenologischen Anschauung zu zwingen. Der Mord wird nicht nur in einer unerträglichen Länge gezeigt, viele blickstrategische Sequenzen führen immer wieder zu einer Identifizierung des Zuschauerblicks mit Jaceks Blick oder dem des Opfers.
Kieslowski beweist mit der fünften Folge des Dekalogs und noch wirkungsvoller mit der Kinofassung Ein kurzer Film über das Töten, daß der klassischnarrative Film, wenn er im Sinne Kracauers zur Abbildung von physischer Realität benutzt wird, nicht unbedingt in einer affirmativen Rezeption seinen kritischen Ansatz verlieren muß, wie dies von Kritikern des narrativen Films behauptet wird. Kritisch wirken kann ein solcher Film aber wohl nur dann, wenn er gleichzeitig mit anderen filmischen oder gesellschaftlichrezeptiven Konventionen brechen kann, in unserem Fall also mit der Entsinnlichung und der fortschreitenden Zeichenhaftigkeit des Tötens im zeitgenössischen Hollywoodfilm. Die gesellschaftlichen Wirkungsmöglichkeiten des narrativen Films sind jedenfalls noch lange nicht ausgeschöpft.