Dekalog, zehn

Das Groteske ist eine der großen Möglichkeiten, genau zu sein. Es kann nicht geleugnet werden, daß diese Kunst die Grausamkeit der Objektivität besitzt, doch ist sie nicht die Kunst der Nihilisten, sondern weit eher der Moralisten, nicht die des Moders, sondern des Salzes. Sie ist eine Angelegenheit des Witzes und des scharfen Verstandes (darum verstand sich die Aufklärung darauf), nicht dessen, was das Publikum unter Humor versteht, einer bald sentimentalen, bald frivolen Gemütlichkeit. Sie ist unbequem, aber nötig...
F. Dürrenmatt. Anmerkung zur Komödie.

In der letzten Folge des Dekalogs liegen, allgemein betrachtet, blickstrategische Quotienten im Durchschnitt, Objektive und Schuß/Gegenschuß­Sequenzen werden betont, die Objektive­mit­Blick fällt ab. An zentralen Stellen, bei der Suspense­, Personenetablierungs­ und episodischen Funktion sowie beim Ortswechsel liegt die Objektive über dem Durchschnitt, an den anderen Stellen darunter. Zeitlich betrachtet verhält sie sich durchschnittlich, fällt jedoch gegenüber dem Anzahlsquotienten deutlich ab.

Blickstrategische Sequenzen liegen überall unter dem Durchschnitt, mit Ausnahme bei der Charakterisierung, wo sie proportional vertreten sind. Auch ihr Zeitquotient ist niedriger als der Durchschnitt. Schuß/Gegenschuß­Sequenzen sind an Stellen mit zentraler Bedeutung sowie mit Charakterisierungs­, Thematisierungs­, Personenetablierungs­ und episodischer Funktion überproportional vertreten. Der Zeitquotient bestätigt die große Bedeutung von Schuß/Gegenschuß­Sequenzen.

Dekalog 10 weist viele lange Dialoge auf. Andererseits finden sich aber auch viele kurze narrative Segmente, die in häufigen aber kurzen Objektiven präsentiert werden. Die zehnte Folge gehört damit auch zu den handlungsreicheren im Dekalog.

Im Gegensatz zu dieser Tendenz wird der Turning­Point ausschließlich durch vier aufeinanderfolgende Objektiv­Subjektiv­Sequenzen aufgelöst.

Der satirische Blick

Dekalog 10 ist eine Art schwarze Komödie. Zwei Brüder werden innerhalb kürzester Zeit von der Sammelleidenschaft ihres verstorbenen Vaters angesteckt, der ihnen eine ungeheuer wertvolle Briefmarkensammlung vererbt hat, so daß schließlich der eine von ihnen eine Niere opfert, um eine seltene Marke im Tausch dafür zu erhalten.

Schon in den ersten Einstellungen kommt das zynisch­makabre Moment des Filmes zur Geltung, denn die Folge beginnt mit Arturs Bühnenauftritt und der Text seines Liedes ist die zynische Umkehrung aller Werte der Zehn Gebote:

»Töte, töte, töte,
Töte, breche die Ehe, breche,
Geh fremd; begehre, begehre
die ganze Woche lang
die ganze Woche lang
Am Sonntag schlag Mutter, schlag Vater,
schlag Schwester, den Jüngeren und Schwächeren
und stehle, da alles um dich deins ist
alles ist deins...«[1]

Die Fan­Massen sind begeistert. Es folgt eine langsame Kamerafahrt durch die vernachlässigte Wohnung des Vaters, die uns die toten Fische im Aquarium zeigt. Den Abschluß der Eingangssequenzen bildet das Begräbnis, bei der Artur pietätlos über einen Walk­Man seine Musik hört. Nichts ist so, wie es sein sollte, die Welt der zehnten Folge ist gefühllos und kalt, wie die toten Fische im Aquarium. Als Jerzy und Artur in der Wohnung ihres toten Vaters die Briefmarkensammlung entdecken (10/006), geschieht dies in einer Subjektiven. Feierlich und unheimlich zugleich öffnet sich ein Metallschrank nach dem nächsten und gibt den Blick frei auf eine unermeßlich wertvolle Sammlung, die der Familie das Geld und vermutlich die Zuneigung des Vaters geraubt hat. Die letzte Dekalog­Folge ist rein materialistisch: Kaum haben die Brüder die Marken entdeckt, kommt der erste Gläubiger des Vaters und versucht einen Teil der Sammlung in die Finger zu kriegen (10/010). In trockener unfreiwilliger Komik klärt der Vorsitzende die Brüder über den materiellen und ideellen Wert der Sammlung auf (10/021). Und der Sohn Jerzys hat nichts Eiligeres zu tun, als das Andenken an den Großvater, einen wertvollen Satz Briefmarken mit Zeppelinen als Abbildung, gegen einen Haufen wertloser Marken einzutauschen ­ im Glauben, ein gutes Geschäft gemacht zu haben (10/022­023). Daraufhin versuchen Jerzy und Artur mit legalen und illegalen Mittel, die Zeppeline wiederzubekommen. Bei dieser Gelegenheit treffen sie den Händler, den Teufel in dieser filmischen Allegorie, der ihnen zwar nicht ihre Seele abkaufen will, dafür aber eine Niere für seine kranke Tochter. Und so ist das Nierenopfer Jerzys makabrer Höhepunkt des fanatisch­materialistischen Sammlertriebs. Doch während Jerzy sich eine Niere wegoperieren läßt, um den rosafarbenen Merkur von 1851 im Tausch dafür zu erhalten, stiehlt jemand ­ wie gewonnen so zerronnen ­ in der Abwesenheit Arturs, der der Wollust in Form einer Krankenschwester erliegt, die ganze Sammlung.

Kieslowski verknüpft die Satire mit einer Allegorie über die Schlechtigkeit der Welt sowie ansatzweise mit einer Parodie des Kriminalfilms. Auch ein Inspektor tritt kurz in Erscheinung. All diese Elemente fließen so ineinander, daß sie kaum voneinander zu trennen sind. Man könnte etwa lange über die allegorische Bedeutung des Inspektors nachgrübeln.

Obwohl am Turning­Point die Verschwörung blickstrategisch aufgedeckt wird, sind Blickstrategien in dieser Folge von geringer Bedeutung. Die Objektive herrscht vor, was in Bezug auf das satirische Moment, welches geradezu einen distanzierten, über den Dingen stehenden Erzählerblick braucht, nur zu verständlich ist.

Realismus ist in Dekalog 10 ein Attribut der Satire, die nur wirken kann, wenn sie sich auf Reales bezieht. Da Kieslowski einen zu aktuellen politischen Zeitbezug ablehnt, richtet sich die Satire in erster Linie gegen den Materialismus im Allgemeinen, wovon der Sammel­ und Besitztrieb nur eine Ausprägung ist.

Doch Kieslowski verzichtet keineswegs darauf, an einigen Stellen Blickstrategien stilistisch einzusetzen. Die wichtigste Stelle ist der schon erwähnte Turning­Point (10/068­10/071). Aber es gibt noch andere Beispiele. So wird der Straßenhändler, der Jerzys Sohn die Briefmarken abgehandelt hat, in einer Subjektiv­Objektiven eingeführt (10/024), wobei uns die Kamera den Blick Jerzys und seines Sohnes präsentiert, der seinerseits dem Vater den Übeltäter zeigt. Ein anderes Mal nutzt Kieslowski eine Objektiv­Subjektive zur Erzeugung von Spannung (10/032): Artur entdeckt Licht in der Wohnung des Vaters und bewaffnet sich mit dem Stamm eines jungen Baumes, den er ausreißt. Des weiteren erscheinen die Briefmarken immer wieder in blickstrategische Sequenzen eingebunden: z.B. in 10/006, 10/012, 10/017, 10/023, 10/036, 10/058, 10/074 und auch die Objektive­Sequenz 10/057 trägt stark subjektive Züge, da es ja nur der Blick des Einbrechers sein kann, der uns in diesen extremen Einstellungen (Briefmarken unter einer Lupe) präsentiert wird. Es gibt auch Beispiele, die den narrativ­visuellen Diskurs kurzzeitig verunsichern. In 10/019 zeigt uns eine seltsam bewegliche Handkamera die Briefmarkenbörse im Stil einer Reportage. Gibt diese Einstellung den Blick einer Figur wieder und ist damit von narrativer Bedeutung? Im Hinblick auf den Diebstahl könnte es sich dabei um den begierigen Blick eines Sammlers handeln, der ein Auge auf die so berühmte Sammlung werfen möchte, was ein ständig die freie Sicht versperrender Rücken und schließlich die Diskretion des Vorsitzenden, der Artur auf die Seite führt, verhindert. Diese versteckte Subjektive würde dann einerseits mit der Subjektiven des Diebes in 10/057 korrespondieren, andererseits mit der zweiten rätselhaften Einstellung des Films: dem Treffen im Park in der Sequenz 10/042. Hier nämlich versteckt sich die objektive Kamera hinter einem Baum und weicht einem allzu offenen Blick auf Artur und Jerzy, die auf die Kamera zukommen, ruckartig aus, als wolle ein Beobachter nicht entdeckt werden. Wird das Treffen etwa von einer vierten Person überwacht?

Der satirische Grundton verleiht dem Ausklang der Fernsehserie einen zwiespältigen Charakter. Der Dekalog endet mit dem Lachen der beiden Brüder ­ ein Gelächter der Selbsterkenntnis. Während des letzten Abspanns ertönt nicht die Filmmusik Zbigniew Preisners, sondern die Rockmusik von Arturs Band City Death[2].

»Dunkelheiten und Hohn und Lüge
Die ganze Woche lang.
Du bist die einzige Hoffnung,
Du bist dir selbst das Licht im Tunnel,
Du bist alles,
Denn alles um Dich ist in dir
Alles ist in dir...«[3]

In lautstarker Rockmusik, die zu Beginn des Films den Anti­Dekalog propagierte, erklingt zum Abschluß der Fernsehserie so etwas wie ein letztes Programm zur moralischen Erneuerung des Einzelnen. Aber ist dies nun ein glimmender Hoffnungsschimmer oder bissige Satire und grotesker Höhepunkt des schwarzen Humors? Wie dem auch sei: Der schwarze Humor des zehnten Teils, der die Satire ergänzt, richtet sich auch gegen den Dekalog selbst. Denn Humor schärft zwar Sinne und Verstand für Mißbildungen der Gesellschaft, die Satire anprangern will, aber seiner Kritik haftet im lachenden Bewußtsein seiner Ohnmacht etwas Uneigentliches an. Insofern kann man schwarzen Humor auch als gegen Ästhetik, gegen die ästhetische Umsetzung der Zehn Gebote gerichtet auffassen:

»Das geschärfte Bewußtsein lehnt sich dagegen auf, daß der Konflikt zwischen Triebwelt und Moralität durch einen Waffenstillstand vertuscht werden soll, der am grünen Tisch der Ästhetik geschlossen wird; es greift zu dem subversiven Mittel, den Humor, das aesteticum aus schlechtem Gewissen, in seiner Uneigentlichkeit darzustellen, indem es seine versöhnlerische Haltung ummünzt in Revolte.«[4]

Die Kieslowskische Ironie, die z.B. Paul Coates in seiner Kritik des Films Ein kurzer Film über das Töten[5] stark hervorhebt, schlägt im grotesken Abschluß der Fernsehserie um in eine distanzierte Selbstironie.

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